Leseproben aus dem Buch "Rockmusik und Mauerfall"

CORVUS CORAX / TANZWUT

CITY

DIE TOTEN HOSEN

 

CORVUS CORAX / TANZWUT

CASTUS RABENSANG hatte beschlossen, bereits in dem fernen Land namens DDR das schwere Los eines fahrenden Sängers auf sich zu nehmen. Sein Weg bis zur Entstehung des zunächst seltsamen Gebildes CORVUS CORAX im Jahre des Herrn 1989 war steinig und dennoch nicht allzu fürchterlich. Die Gruppe, zu jener Zeit noch ein Duo mit WIM, begab sich auf Wanderschaft in Frankreich, Italien, Österreich (1990), Großbritannien, den Niederlanden (1989/90), natürlich in der deutschen Heimat (1990) und sogar nach Japan (1991). Die erste stabile Besetzung hatte sich 1992 herausgebildet und seitdem nahezu ständig erweitert. Als es nach regem Streite aussah, fand die Brüderschaft ihren ganz eigenen Weg aus dem Zweifel. Sie wandte sich teilweise populären Klängen zu, ließ das befremdliche Stück „Tanzwut“ das Licht der Welt erblicken, dem eine Gruppe musizierender Wilder nachgeboren ward, die sich zünftig TANZWUT nannte und ihre Musik elektronisch verstärkte. Verwunderlich, doch wahr – es muß gewaltige Verwandlungen gegeben haben, denn TANZWUT und CORVUS CORAX waren zwei Bands, doch das gleiche Sängervolk. Die heutigen Spielleute sind bei CORVUS CORAX: CASTUS, MEISTER SELBFRIED, TEUFEL, VENUSTUS, HARMANN DER DRESCHER, DER KALAUER, HATZ und ARDOR V.V., an einer Vielzahl mittelalterlicher Instrumente vom Schlagbordun über das Davul bis zur Eisenklatsche sowie bei TANZWUT tätig: CASTUS (Dudelsack, Schalmei, backvoc) Kollege A. (Dudelsack, Schalmei, backvoc), TEUFEL (voc, Dudelsack), WIM (bg, backvoc, Dudelsack, programming), NORRI (dr, programming) und PATRICK (g, backvoc). Im weiten Netz der Welt: http://www.corvuscorax.de und http://tanzwut.com

  

CORVUS CORAX' lang tönende Spielmannszeugnisse (Auszug):

Ante casu peccati (1989)

Congregatio (1991)

Inter deum et diabolum semper musica est (1993)

CC erzählen Märchen aus alter Zeit (1994)

Tritonus (1995)

Viator (1998)

Live auf dem Wäscherschloß (1998)

MM (1999)

Tempi antiquii (1999)

Mille anni passi sunt (2000)

In electronica zona estrema (Remixe, 2001)

Seikilos (2002)

 

TANZWUT-Scheiben:

Tanzwut (EMI, 1996)

Labyrinth der Sinne (EMI, 1998)

Ihr wolltet Spass (Pica Records / EFA, 2003)

 

CASTUS RABENSANG

 

Ein ganzes Leben Schabernack

 

Wir haben damals für einen doofen DEFA-Fernsehfilm – Fritze Bollmann – ein bißchen Musik eingespielt. Und dann schnappten wir uns den Techniker und fragten, ob wir eine Art Demo aufnehmen könnten – also eine Kassette mit unseren Songs, was sonst kaum möglich gewesen wäre, zumindest nicht so unkompliziert. Wir unterhielten uns also darüber und auch über den Preis, und das war genau richtig für uns. Dann meinte er, wir müßten alles verdeckt machen – in der Nacht. Wir spielten also die Musik für den Fernsehfilm ein, versteckten uns hinter einem riesengroßen Gong, hinter'm Keyboard und saßen in irgendwelchen Koffern. Der Techniker tat, als würde er gehen, und kam anschließend zum Hintereingang wieder 'rein. Irgendwann schloß der Hausmeister ab und löschte die Lichter. Bei uns ging das Licht wieder an, und wir haben in einer Nacht die komplette CD aufgenommen: „Ante casu peccati“. Am frühen Morgen gingen wir dann ins Café Heider, wo sich zu dieser Zeit immer die Musiker und andere verrückte Typen trafen. Dort hörten wir uns unser erstes eigenes Machwerk an und waren stolz, daß wir so etwas hatten – über 50 Minuten in einer Nacht aufgenommen. Und es gibt bis heute Leute, die diese Scheibe lieben. Das ist aber auch nicht weiter verwunderlich, denn es war ja der Ursprung vom ganzen und entstand im Frühjahr 1989, vielleicht sogar schon im Februar. Genau wissen wir es nicht, denn in der Nacht haben wir ganz schön viel getrunken, weshalb nicht mehr die vollständige Erinnerung vorhanden ist. Musiker sind eben so…

Wir waren die unverstärkten Punks des Ostens, also echt krasse Typen. Nur für die Öffentlichkeit galten wir gewissermaßen auch als Folkore-Band und mußten in Ilmenau bei diesen komischen Folklore-Tagen spielen. Dort gab es Essenmarken und wir fielen dadurch auf, daß wir als erstes fragten, ob man dafür auch Bier bekommt. Gleich am ersten Tag haben wir die komplette Ration versoffen. Wir kamen auch gut an – jedenfalls beim Publikum. Zehn bis fünfzehn Bands waren vertreten, aus jedem Bezirk sollte wohl mindestens eine kommen. Darunter waren ziemlich komische Typen – totaler Osten. Aber es war rappelvoll. Am Abend lief der offizielle Teil, zu dem das Publikum auch zugelassen wurde, da waren bestimmt über tausend Leute. Das war jetzt nicht so ein Mega-Ereignis wie dieses große Ilmenauer Tanzfest, sondern es fand in einer Bude statt, in die tausend Leute paßten. Und wir trieben einfach Schabernack, denn wir hatten keinen Bock auf diese Angelegenheit. Also haben wir zum Beispiel unseren ältesten Typen mit Mehl bestäubt, auf die Bühne gestellt und dann eine Wiederauferstehung zelebriert. Diese ganzen FDJler haben sich ziemlich gewundert. Aber nach einer Weile kam es doch ganz gut an. Wir haben ja auch nicht nur Show gemacht, sondern zusätzlich gespielt – das gefiel denen schon. Damals war die Musik aber noch nicht mittelalterlich, sondern eher chaotisch. Teilweise wurden mittelalterliche Klänge untergemischt, aber es war Folklore. Nur eben nicht so, wie man sie kennt, sondern LAUT, SCHNELL und DORISCH. Wir haben also „LSD“-Musik gemacht und dabei auch gern das Publikum einbezogen.

ROBERT mußte zum Beispiel mal seinen Zehennagel ein halbes Jahr wachsen lassen. Das war aber leider nicht während eines Auftritts bei der FDJ, sondern auf einem ganz normalen Gig in Wismar. WIM und ich haben ROBERT auf der Bühne gewissermaßen seziert, also den Zehennagel abgeschnitten, angetan mit Gummihandschuhen, denn sonst hätten wir das Ding nicht angefaßt, und ihn hinterher als Plektrum benutzt und musiziert – auf der Mandoline ein schönes Tremolo gespielt. Das kam bei den Zuschauern gut an. Und wir bekamen dort Spielverbot auf Lebenszeit.

 

  

CITY

entstand 1972, Gründungsmitglieder waren FRITZ PUPPEL und KLAUS SELMKE. Zunächst wurden Coverversionen internationaler Hits gespielt, doch 1974/75 leitete der Sänger TONI KRAHL die Ära anspruchsvoller Rockmusik mit deutschen Texten bei der Band ein. Emotionale Befindlichkeiten Jugendlicher von Berlin bis Suhl und Teterow wurden thematisiert. Die „erzieherische“ Komponente kam ohne erhobenen Zeigefinger aus. Ihre Songs wurden im westlichen Ausland so gut aufgenommen, daß sie 1981 eine goldene Schallplatte entgegennehmen konnten – ein Novum in der Geschichte der DDR-Rockmusik. Bis 1990 spielten die Musiker auch weiterhin eine wichtige Rolle für die Entwicklung des deutschen Musikgeschehens. Dann favorisierten KRAHL und PUPPEL die Tätigkeit als Eigner ihrer neu gegründeten Plattenfirma K & P Music. Dennoch treten die Köpfe der Gruppe in jedem Jahr sehr erfolgreich mit ihren Kollegen auf, seit einiger Zeit in der besten CITY-Besetzung, die es je gab: KRAHL (voc, acc-g), PUPPEL (g), SELMKE (dr), MANFRED HENNIG (keyb) und GEORGI GOGOW (violin). Sporadisch werden bis heute Ton-(und Bild-)Träger veröffentlicht. Gemeinsam mit den anderen beiden, im Song einer unbedeutenden Band aus dem Ruhrpott verunglimpften, Ost-Bands PUHDYS und KARAT feierte CITY im Jahre 2003 Erfolge auf einer großen Tournee in Ost und West.

Und immer wieder Neuigkeiten unter: http://www.city-internet.de

 

LPs von CITY:

Am Fenster (Amiga, 1978)

Der Tätowierte (Amiga, 1979)

Dreamer (Amiga, 1980)

Unter der Haut (Amiga, 1983)

Feuer im Eis (Amiga, 1985)

Casablanca (Amiga, 1987)

Keine Angst (K&P Music, 1990)

Best Of (Sampler, K&P Music, 1992)

Am Fenster II (K&P Music, 2002)

 

 

TONI KRAHL & FRITZ PUPPEL

 

Wir glauben, daß wir auch keine besseren Wessis wären

 

Jeder, der sich in die Öffentlichkeit wagt, hat mit Presseklischees zu kämpfen. Es gibt häufig ein von der Presse vorgegebenes Stimmungsbild, das von den Journalisten gezeichnet wird. Aber wir versuchen immer wieder deutlich zu machen, daß wir eigentlich Musiker sind. Wir haben mal angefangen und wollten Krach machen. Der Krach hat sich vielleicht etwas verfeinert, aber die Lust am Spielen ist uns nicht vergangen.

In der Bevölkerung gibt es diese Motzki-Spielart viel stärker, als manch einer wahrhaben will. Da spiegelt sich im Fernsehen bloß das Leben wider. Daraus resultiert ja auch der Erfolg dieser Serie, daß jetzt plötzlich komprimiert, obwohl für unseren Geschmack nicht mal besonders unterhaltsam, immer wieder dieses dumpfe Gedröhn der Biertische von Ost und West hochkommt. Das geht dann eben so weit, daß für viele Westler diejenigen Ostler, die nicht abgehauen sind, sowieso alle irgendwie bei der Stasi waren. Die machen sich nicht mal die Mühe, zu erklären, was hinter dem Begriff „Stasi“ steckt. Wenn dann irgendeine Band singt: „PUHDYS, CITY und KARAT, Stasis größte Greueltat“, kommt das bei vielen Leuten an, obwohl die gar nicht wissen, wovon sie reden. Solch eine Band denkt wahrscheinlich noch, damit besonders progressiv zu sein. Aber wenn sie singen: „Jagt sie weg, haut noch drauf, baut die Mauer wieder auf“, dann ist das einfach die Stimmung vieler Westler, und wir stehen jetzt exemplarisch für „den Osten“. Damit sind wir nicht einmal die Zielscheibe, sondern werden nur stellvertretend genannt für die gesamte Ex-DDR. So ist eben momentan das Bild: Die Ostler sind buchstäblich an allem schuld, an der Rezession und dem generellen Niedergang. Es gibt für uns nur einen einzigen Trost: Wir glauben, daß wir auch keine besseren Wessis wären oder gewesen wären.

Als es möglich war, eine Plattenfirma zu gründen, nutzten wir sie, wobei wir von Anfang an darauf geachtet haben, daß wir mit Leuten zusammenarbeiten, mit denen wir menschlich, musikalisch und künstlerisch etwas anfangen können. Dabei sind wir auf HERBST IN PEKING gestoßen, die gerade eine Plattenfirma und Produktionsmöglichkeiten suchten. Wir vermittelten ihnen eine Single-Produktion, betreuten diese dann auch, und im Nu waren wir in dem Geschäft drin. Das war 1990. Wir haben damals im Signet geführt: „Erste unabhängige Schallplattenfirma der DDR“. Am 17. Mai 1990 erschien das erste Album bei unserer Firma. Fortan waren wir Plattenbosse und mußten uns mit der gesamten wirtschaftlichen Thematik auseinandersetzen, denn Plattenboß zu sein bedeutete am wenigsten, musikalische Entscheidungen zu treffen, sondern zu überlegen: „Tauschen wir Ostgeld in Westgeld? Bezahlen wir den Drucker in West, oder wird er noch in Ost bezahlt oder gar erst nach der Währungsunion?“ Dabei stellten wir sehr schnell fest, daß wir uns eigentlich mit der mechanischen Abfolge des Plattenmachens nicht befassen wollen. Wir wollen uns mit dem künstlerischen Teil beschäftigen, uns aber nicht in Preßwerken herumdrücken und um Granulatpreise feilschen oder dauernd irgendwelche Drucksachen begutachten und so weiter. Also haben wir unser Konzept verschiedenen Major-Firmen vorgetragen, und BMG/Ariola München hat ihr Okay gegeben. Sie übernehmen nun den administrativen Teil, der uns so fürchterlich gelangweilt hat, und den Vertrieb. Wir haben einen langfristigen Vertrag, so daß wir uns jetzt erstmal frei von existentiellen Sorgen wirklich um die Musik kümmern können. Das Angebot von dieser Major-Company war so fair, daß sie uns überleben läßt und unsere Bands bessere Möglichkeiten haben, als wir sie ihnen allein hätten bieten können…

 

DIE TOTEN HOSEN

entwickelten sich seit ihrem Start 1982 binnen weniger Jahre von Krawall-Punks zu ernstgenommenen Rockmusikern. CAMPINO (voc), ANDI (bg), BREITI (g), KUDDEL (g) und TRINI TRIMPOP (dr) waren Anfang Zwanzig und ließen es auf Tournee dermaßen krachen, daß sie ihren ersten Plattenvertrag gleich wieder verloren. Doch die Scharte war schnell ausgewetzt. Mit neuem Label und neuen Songs stand einer wilden Karriere nichts mehr im Weg. Die Musiker waren keine Punk-Puristen. Ihr Blut geriet auch bei anderen Sounds in Wallung. Also folgte ein kurzer Ausflug in andere musikalische Gefilde mit ihrer HipHop-Version des Songs „Eisgekühlter Bommerlunder“ (1983) und das witzige Aufpolieren alter deutscher Schlager auf „Never Mind The Hosen – Here's Die Roten Rosen“ (1987). Zu jener Zeit hatte allerdings TRINI TRIMPOP bereits den Drumhocker mit dem Bürostuhl des Managers vertauscht und war Ende 1985 durch WÖLLI ersetzt worden. 1988 erreichte die Gruppe mit „Ein kleines bißchen Horrorschau“ immense Anerkennung, auch im Ausland, und bereitete mit der anschließenden Tour den Boden für ihren ersten Spitzenplatz in der deutschen Hitparade vor: „125 Jahre Die Toten Hosen – Kreuzzug in's Glück“ (1990). Seitdem sind sie mit ihren ureigensten Veröffentlichungen auf vordere Chartplätze abonniert, beleben aber auch immer wieder Rock- und Punk-Standards neu in ihrer unnachahmlichen HOSEN-Art und sind beliebt von London bis Rio de Janeiro. Bis heute bleiben DIE TOTEN HOSEN sich und ihren Fans treu und sind immer dabei, wenn es darum geht, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus vorzugehen. Die verschworene Gemeinschaft blieb bestehen, auch wenn Schlagzeuger WÖLLI aufgrund gesundheitlicher Probleme zwischenzeitlich durch den ehemaligen HOSEN-Roadie VOM abgelöst werden mußte.

Näheres und andere Neueres unter: http://www.dietotenhosen.de

 

 

 

DIE TOTEN HOSEN: LP-Veröffentlichungen

Opel-Gang (TOT / EMI, 1983)

Unter falscher Flagge (TOT / Virgin, 1984)

The Battle Of The Bands (EP, TOT / Virgin, 1985)

Damenwahl (TOT / Virgin, 1986)

Never Mind The Hosen – Here's Die Roten Rosen

(TOT / Virgin, 1987)

Bis zum bitteren Ende – Live (TOT / Virgin, 1997)

Ein kleines bißchen Horrorschau (TOT / Virgin, 1988)

125 Jahre Die Toten Hosen – Auf dem Kreuzzug ins Glück

(TOT / Virgin, 1990)

Learning English - Lesson One (TOT / Virgin, 1991)

Kauf mich! (TOT / Virgin, 1993)

Reich und sexy (Sampler, TOT / Virgin 1993)

Love, Peace And Money (Virgin, 1995)

Opium fürs Volk (JKP / East West, 1996)

Im Auftrag des Herrn – Live (JKP / East West, 1996)

Unsterblich (JKP / East West, 1999)

Crashlanding (Nuclear Blast, 2001)

Reich & sexy II – Die fetten Jahre / Ihre allergrößten Erfolge

(JKP / East West, 2002)

Auswärtsspiel (JKP / East West, 2002)

Zurück zum Glück (JKP, 2004)

 

ZK

Auf der Suche nach dem heiligen Gral – Sammelband 1

(Weserlabel / Indigo, 1996)

 

  

CAMPINO und WÖLLI

 

Überall in der Welt bestehen Hierarchien

 

Wir waren vor dem Mauerfall auch schon häufig im Osten. Dort haben wir öfter heimlich gespielt und benutzten Instrumente, die wir uns von Ost-Bands borgen mußten. Diese Sachen liefen nur in der Punk-Szene, sonst hätten die DDR-Bullen uns schnell gegriffen. Wenn wir 'rübergekommen sind, wollten wir uns hauptsächlich unterhalten. Es ging uns dabei weniger um den Gig als einfach darum, mal gemeinsam einen Tag zu verbringen. Und für uns war tierisch interessant, was die erzählt haben, wie im Osten die Bedingungen waren. Aber wir haben auch darüber hinaus tolle Sachen erlebt in den Zeiten, als die Mauer noch stand. Immer, wenn wir in Budapest oder in der Tschechoslowakei auftraten, waren tierisch viele DDR-ler dort, die aufgrund irgendwelcher schwummerigen Gerüchte da 'runtergereist sind. Die haben 24 Stunden Reise und mehr auf sich genommen haben, wurden teilweise von den Bullen gegriffen und zugweise wieder zurückgeschickt. Manche haben's dann trotzdem noch geschafft. Da war eine wahnsinnige Power, ein gewaltiger Hunger einfach. Besonders auf gegenseitige Begegnung. Wir erinnern uns oft an eine Geschichte, die wir als Band wohl nie vergessen werden. Wir hatten 'ne Schlägerei mit den Bullen und der Armee in der Tschechoslowakei auf so 'nem Friedensfestival, weil Kids aus der DDR zu uns in die Garderobe gekommen waren. Plötzlich kamen komische Geheimdienstleute in normalen Jeansklamotten 'rein und fingen an, die Leute abzuführen. Also sind wir vor die Tür und haben uns unheimlich mit denen gehauen. Wir hatten natürlich überhaupt keine Chance und wurden in so 'ner Art Spießrutenlauf zum Bus geprügelt. Danach ging's mit Polizeikonvoi zur Grenze. Dort wurden wir richtig 'rausgetreten und mußten anschließend zu Fuß durch Niemandsland zurück in den Westen. Irre! Schließlich kamen wir an unserer Grenze an und meinten: „Endlich zurück, hier kann man wieder sagen, was los ist.“ Aber dann haben uns diese West-Bullen sowas von gefilzt und auseinandergenommen, daß wir doch recht verwirrt waren. Wir wußten echt nicht mehr, wohin.

Uns hat das tierisch frustriert nach der Maueröffnung, weil wir bald die Veränderungen mitbekommen haben. Vorher war eigentlich jeder, den wir in der DDR kennengelernt haben, dermaßen gut drauf. Da war so ein Spirit, daß wir gesagt haben: „Hier geht Punkrock richtig ab.“ Bei uns im Westen bedeutet es doch nur „Sprüche kloppen.“ Und wir fanden super, was die Leute alles gecheckt haben und wie sie zwischen den Zeilen lasen. Das waren alles Dinge, die uns wirklich beeindruckt haben.

Dann fiel die Mauer, und wir sind mal im Osten mit dem Rad eine Woche durchs Land gefahren, und das war auch noch schwer okay. Uns ist aber aufgefallen, daß immer mehr Kids, wenn man zum Beispiel an 'ner Pommesbude stand, irgendwelche blöden Witze machten; über Neger oder irgendwas in der Richtung. Wir konnten erstmal überhaupt nicht nachvollziehen, was die meinen, denn so viele Ausländer gab es ja in der DDR gar nicht. Aber alle fingen dann an, solche komischen Sprüche zu klopfen. Natürlich dachten wir, das wäre Zufall, und wir sagten uns: „Moment mal, das ist jetzt drei Monate nach Mauerfall, wir vertun uns hier tierisch und haben vielleicht Pech gehabt.“ Leider hat sich diese Sache dann potenziert. Und inzwischen scheint die Zahl der Kids in den Pennen, die bei Umfragen einfach sagen „Ausländer 'raus,“ bei vierzig oder fünfzig Prozent zu liegen. Die quatschen das hin, ohne irgendeinen Plan zu haben. Einfach nur, weil es diese Parole gibt, die sich leicht erklären läßt. Und weil sie zu faul sind, nach einer richtigen Lösung für dieses Dilemma zu suchen. Da waren wir natürlich frustriert, denn es ist einfach Scheiße, was da passiert. Und wir suchen die ganze Zeit nach einem Ausweg. Wir kennen die Lösung auch nicht. Aber es ist wichtig, daß Leute endlich mal aufhören mit so 'nem simplen Sprüchekram, der so viel Schlimmes ausrichtet…